Statement der Gesamtschüler*innenvertretung Bremen zum Beschluss vom 31.03.2020 über die Abschlussprüfungen in Bremen dieses Jahr

Bremen, den 03. April 2020

Sehr geehrte Leser*innen,

Am 31.03.2020 wurde von der Senatorin für Kinder, Bildung und Erziehung Bremen die neue Regelung für die Abiturprüfungen 2020 vorgestellt, die durch die derzeitige Situation mit dem neuartigen Coronavirus unter erschwerten Bedingungen stattfinden soll. Die Regelung beinhaltet, dass es nun zwei Abiturtermine geben wird, die den Abiturient*innen zur Auswahl gestellt werden. Wir sehen im Vergleich mit der üblichen Regelung nur insofern einen Vorteil, als dass voraussichtlich das Infektionsrisiko durch Minimierung der Schüler*innendichte im Prüfungsraum gesenkt wird. Trotzdem sehen wir größere Schwierigkeiten bei dieser Regelung.

Der diesjährige Abschluss-Jahrgang wird mit einem Kriterium, was aussagt, dass trotz der aktuellen kritischen Umstände Abschlussprüfungen geschrieben werden sollen, erheblich benachteiligt. In diesem kurzen Schuljahr, was praktisch noch weniger Unterrichtsstoff als schon vorausgesetzt beinhaltete, konnte so der abschlussvorbereitende Unterricht nicht mehr stattfinden. Außerdem sind in dieser chaotischen Situation Voraussetzungen für ein effektives Lernen, besonders im Lernort Schule des prüfungsrelevanten Unterrichts alleine durch eigenständiges Lernen zuhause nicht ausreichend gewährleistet. So ist es durch das Kontaktverbot derzeit nicht möglich, Lerngruppen zu bilden, welche in den früheren Jahrgängen vielen Schüler*innen eine große Stütze waren. Völlig außen vor gelassen werden die Schüler*innen, die aufgrund von sozialer Benachteiligung Zuhause keinen produktiven Lernort haben.

Ob es daran liegt, dass es keinen Internetanschluss gibt, dass es nur wenig Platz für viele Leute gibt, die ganze Familie nur einen Computer hat oder dass Menschen sich Zuhause schlicht nicht wohl fühlen können – diese Menschen werden völlig zurückgelassen und ihnen wird deutlich die Chance erschwert, gute Prüfungen abzulegen.

Aufgrund des Risikos einer Infektion der zu prüfenden Personen beim zweiten Prüfungstermin und dem Nachschreibetermin bestehteine gewisse Unsicherheit, ob alle Prüflinge an den Abschlussprüfungen teilnehmen können. Selbst Personen aus Ihrer Behörde haben Schüler*innen empfohlen, lieber den ersten Termin aufgrund dieser Unsicherheit zu wählen. Für uns ist das ein Widerspruch zur eigenen Regelung!

Weitere Unklarheiten ergeben sich für uns in der Frage, welche Möglichkeiten den Schüler*innen, die Teil der Risikogruppe sind, geboten werden, um die Prüfungen mit geringstmöglicher Ansteckungsgefahr ablegen zu können.

Wie der Rest der Gesellschaft ist auchdie gesamte bremische Schüler*innenschaft momentan von einer Krise betroffen, die wir nur gemeinsam bewältigen können.
Wir müssen uns die Frage stellen, worauf wir mehr Wert legen – Auf Abschlussprüfungen wie in jedem Jahr oder auf die Vermeidung bleibender Schäden in unserer Gesellschaft. Auch Schüler*innen wollen ihren Teil dazu beitragen, um die Krise so schmerzarm wie möglich überwinden zu können. Durch diese, in unseren Augen unverhältnismäßige, Entscheidung wird ihnen auch die Beteiligung an den solidarischen Hilfsangeboten erschwert, bei denen sich viele Bremer Schüler*innen bereits mit Herzblut engagieren.

Wir fordern Sie dringend auf, diese Regelung zu überdenken und sich die Situation der Menschen vor Augen zu führen, die jetzt Opfer von Chancenungleichheit sind.

Wir fordern, dass für alle Schüler*innen ein Umfeld gesichert ist, in dem sie ungestört und mit den nötigen technischen Mitteln lernen können – solange dies nicht gewährleistet ist, dürfen die Prüfungen nicht in der gewählten Form stattfinden.

Wir fordern, einen Nachteilsausgleich der Noten für alle Schüler*innen, die das Abitur, das Fachabitur oder den MSA ablegen.
Wir fordern, dass sich die Schüler*innen nicht für einen der beiden Zeiträume entscheiden müssen, sondern dass sie ihre Prüfungen auf die beiden Zeiträume aufteilen dürfen. Das bedeutet, die Schüler*innen dürfen die jeweiligen Prüfungen ihrer Fächer auf die beiden Zeiträume verteilen und haben somit mehr Zeit zwischen den einzelnen Prüfungen.

Mit besorgten Grüßen,
Der Vorstand der Gesamtschüler*innen Vertretung Bremen